Wohnen am Rathausturm Kiel 2004 – 2008

Baugemeinschaft Eigentumswohnungen und Genossenschaftswohnungen I Kiel I Deutschland I 2008
Luftaufnahme I Visualisierung

Bauherrenpreis der Stadt Kiel 2009

Text
Wohnen und Arbeiten am Rathausturm Kiel

Bauherr: Baugemeinschaft „Wohnen und Arbeiten am Rathausturm GbR“
Eigentümer und Mitglieder der Dachgenossenschaft Steenbeker Hof e.V.
Ort: Rathausstrasse 9 – 15, Kleiner Kuhberg 40, 24103 Kiel
Leistungsphasen: 1 – 9 HOAI
Projektbetreuung: Conplan GmbH, Lübeck
Landschaftsarchitekt: Brien. Wessels. Werning, Lübeck
Bauleitung: Planbauplus Leo Gellings, Heikendorf
Tragwerksplanung: Ingenieurteam Trebes GmbH & Co. KG
Schillerstr. 11, 24116 Kiel
Energiekonzept: KAplus Ingenieurbüro Vollert, Eckernförde
Planung, Entwicklung: 2004 – 2006
Bauzeit: Dez.2006 – April 2008
Wohnungen: gesamt 45, davon 19 Eigentum, 26 Genossenschaft
Gewerbe: 1 Restaurant, 2 Büros
Energiestandart: kfw 40 (ca. Energieeffizienzhaus 55 nach EnEV 2009)
-Projekt der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2008 in Kiel-
-Bauherrenpreis der LH Kiel 2009-

Projektentwicklung

Nach einem Entwurf 1999 auf Eigeninitiative sowie zwei Wettbewerbsphasen mit Investor in den Jahren 2000 / 2001 beschloss das Büro Zastrow + Zastrow im Jahre 2004 mit der Projektentwicklungsgesellschaft Conplan aus Lübeck zusammen, ein nachbarschaftliches Wohnprojekt auf dem Grundstück zu realisieren. Hochbaulich wurde an die Wettbewerbsplanung, die mit dem Stadtplanungsamt abgestimmt war, angeknüpft.  Es wurde in Zusammenarbeit mit der Stadt Kiel ein Vorhabenbezogener Bebauungsplan für das Grundstück entwickelt und ein Durchführungsvertrag zwischen der Stadt Kiel und der Planungsgemeinschaft geschlossen.

Das Projekt

Im Zentrum Kiels an der Ecke Rathausstraße/Kleiner Kuhberg, wurde ein neues Wohnprojekt realisiert, das gemeinschaftliches Wohnen zum Ziel hat. Eine attraktive Wohnform, insbesondere für ältere Menschen und Menschen mit Handicap, die im Alter selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben wollen, aber dennoch Gemeinschaft und eine zentrale städtische Versorgungsstruktur wünschen.  Auch für jüngere Menschen und Familien mit Kindern bietet sich hier die Chance, mitten in der Stadt in einer generationsübergreifenden Gemeinschaft zu leben.  Dieses Projekt ist innovativ, da es Eigentum und genossenschaftliches Wohnen unter einem Dach vereint. Der Erwerb von Genossenschaftsanteilen bietet interessante finanzielle Aspekte und ist auch für Haushalte mit kleinerem Einkommen leistbar.

Die Architektur

Das übergeordnete Konstruktionsprinzip in Schottenbauweise ermöglicht eine individuelle, flexible Grundrissaufteilung, die auf die besonderen Ansprüche der Eigentümer eingehen kann. Bei rechtzeitiger Mitgliedschaft in der Baugemeinschaft bestand die Möglichkeit, auf die bewusst flexibel gehaltene Planung der Wohnungen Einfluss zu nehmen. Bis auf die eindeutig tragenden Wände (Achsmaß 7,50 m) konnte die Raumaufteilung zum großen Teil von den zukünftigen Bewohnern mit gestaltet werden.  Die Ausbaumaterialien haben die Bauherren selbst bestimmt. Eine lichte Raumhöhe von 2,66 m und großflächige Verglasungen zum Terrassenbereich tragen zum Eindruck der Großzügigkeit der Wohnungen bei.

Die Fassade zur Rathausstraße ist bewusst ruhig gegliedert und reduziert auf drei Materialien: anthrazitfarbener Putz, Glas und Holzleisten aus sibirischer Lärche.  Die Hofseite dagegen ist lebendig terrassiert. Sie gibt den lebendigen Wohncharakter des Gebäudes wieder. Die Unterteilung in einzelne Wohnungen wird deutlich durch ein abwechslungsreiches Spiel von Flächen aus farbigen Fassadenplatten und Holzleisten.  Der 3-geschossige Laubengang entlang der Rathausstraße ist verglast, so dass genügend Licht in die dahinter liegenden Wohnungen fällt. Die Gangflächen sind von der Fassade abgerückt, um Distanz zu den Fenstern der Wohnungen zu wahren und den Lichteinfall zu erhöhen. Zu den Wohnungseingängen führen Brücken. Offene Treppen verbinden die drei Ebenen untereinander. Die Hauswand ist mit horizontalen Holzleisten verkleidet, was nicht nur eine wohnliche Atmosphäre schafft, sondern auch der Schallabsorption dient.  Die Laufstege sind in einer Stahlkonstruktion errichtet, deren Flächen mit Holzbohlen belegt sind. Durch den Wintergarteneffekt der großzügigen Verglasung besteht die Möglichkeit, Pflanzen in Kübeln aufzustellen. Der Laubengang ist nicht nur Erschließungs- sondern auch Kommunikationszone des Hauses. Er ist das große Fenster, das am Tage die gegenüberliegenden Fassaden der Rathausstraße spiegelt und bei Dunkelheit die Lebendigkeit des Wohnens aus dem erleuchteten Innenraum nach außen sichtbar macht.  Die horizontale Holzleistenstruktur aus dem Laubengang setzt sich im 4. OG in der Außenfassade fort. So entstehen einzelne Holzhäuser, die über einen offenen Laubengang erschlossen werden.  Die Fassade des Kopfgebäudes zum Exerzierplatz ist horizontal durch die vortretenden, fassaden-begleitenden Balkone gegliedert und öffnet sich durch geschosshohe Fensterflächen. Sie wird eingefasst durch einen anthrazitfarben geputzten Rahmen.

Die Wohnungen / Erschließung

Das Spektrum der Wohnungsgrößen reicht von kleinen 1- bis 2- Personen-Wohnungen mit 40 –70 qm bis zu Wohnungen mit 80 bis 147 qm. Außerdem sind ein Restaurant(154 m²) im EG und Büroflächen (195 m²) im 1. OG des Kopfgebäudes vorhanden.  Alle Wohnungen sind barrierefrei erreichbar. Mehrere Wohnungen sind auf Wunsch ihrer Eigentümer / Mieter (genossenschaftlich) behindertengerecht gestaltet worden.  In zwei Untergeschossen befinden sich Kellerräume und je eine Tiefgarage mit insgesamt 48 Stellplätzen – wovon 4 behindertengerecht sind -, so dass genügend Stellplätze zur Verfügung stehen. Die obere Ebene der Tiefgarage wird durch eine Zufahrt von der Rathhausstraße erschlossen, die untere Ebene hat ihre Zufahrt von der Waisenhofstraße.

Die Erschließung der Wohnungen bzw. des Büros erfolgt von der Rathausstraße aus über zwei Treppenhäuser mit Fahrstuhl in Kombination mit einem verglasten Laubengang, der vom 1.OG bis zum 3.OG reicht und 1,50 m über die Rathausstraße auskragt. Zusammen mit dem geschützten und begrünten Innenhof und dem Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss bietet er Raum für Kommunikation innerhalb der Bewohnerschaft.

Der überwiegende Teil der Wohnungen verteilt sich im 5-geschossigen Riegel entlang der Rathausstrasse, der sich zum Innenhof terrassiert. Im 4.OG springen die Wohnungen über dem verglasten Laubengang um 2,4 m zurück, so dass jede Wohnung über einen individuellen, großzügigen Eingangsbereich verfügt. Eine herausragende Lage haben das Büro und die Wohnungen im Kopfgebäude zum Exerzierplatz, das aus 6 Geschossen plus Staffelgeschoss besteht. Die Nachbarschaft des historischen 2-geschossigen Gebäudes trägt zusammen mit dem Restaurant im Neubau zu einer stimmungsvollen Platzatmosphäre am Kleinen Kuhberg bei. Im Anschluss an das Restaurant befindet sich zum Hof hin orientiert ein Gemeinschaftsraum.

Die Aussenanlagen

Das Grundstück selbst hätte über eine nur 3 Meter schmale rückwärtige Freifläche verfügt. Deshalb war es besonders erfreulich, dass der Grundstücksnachbar vorschlug, seinen Hinterhof zu öffnen und eine gemeinsame Nutzung der Hoffläche für beide Häuser zu ermöglichen. Die dort vorhandenen Garagen wurden entfernt und die Stellplätze in der Tiefgarage des Neubaus untergebracht. So entstand ein großzügiger, vom Straßenlärm abgeschirmter Innenhof. Gestaltet mit Bäumen und Pflanzen und Flächen zum Sitzen, Spielen und Feiern soll er das innerstädtische Wohnen bereichern.  Abseits vom Straßenverkehr bietet der geschützte Innenhof nun auch für Kinder Spielmöglichkeiten direkt hinter den Wohnhöfen und Balkonen. In der generationsübergreifenden Gemeinschaft achten auch mal die Nachbarn mit auf die Kinder, so dass die Beaufsichtigung erleichtert wird.  Einen Ort zum Wohnen in diesem verkehrsreichen Gebiet mitten in der Stadt zu schaffen stellte hohe Anforderungen an uns als Planer.

Energieversorgung / Konzept:

Die Energieversorgung wird über Fernwärme sichergestellt. Die Wohnungen sind mit einer kontrollierten Lüftung ausgestattet. Die Abluft wird in den Feuchträumen (Bad, Küche) abgesaugt und strömt über Fassadenöffnungen in den Fenstern nach. Regelbare Dachventilatoren mit EC-Motor halten in den Steigschächten einen konstanten Unterdruck. Jeder Feuchtraum ist mit einem verstellbaren Tellerventil ausgestattet. Im Normalbetrieb wird die Grundlast durch das Tellerventil abgesaugt. Dadurch wird eine kontrollierte Grundlüftung der Wohnung sichergestellt. Bei Nutzung von Küche/Bad kann die Volllaststufe eingeschaltet werden und eine größere Luftmenge wird abgesaugt.