Gemeindezentrum Stralsund 2018

NGZ St. Nicolai Stralsund BILD
NGZ St. Nicolai Stralsund BILD

Verfahren: ​Mehrfachbeauftragung für 5 eingeladene Architekturbüros, ​anonymes Verfahren
Bearbeitungszeit: 2018
Ergebnis: 2. Rang
Nettoraumfläche: 1.118 qm

Aufgabe:
Planung eines Gemeindezentrums für die Ev. Kirchengemeinde St. Nicolai Stralsund mit Gemeindesaal und Pastorat im Ortsteil Knieper West. Städtebauliches Konzept für das gesamte Grundstück und Realisierung in Bauabschnitten.

Text
Die Leitidee des Neubaus Gemeindezentrum St. Nikolai ist es, ein „offenes Haus“ zu schaffen, das durch-lässig und niederschwellig gestaltet ist, um die Einbindung verschiedener Bevölkerungsgruppen in die Angebote der Kirchengemeinde zu fördern. Städtebaulich ist es konzipiert als fußläufig verknüpfende Spange in Ost-Westrichtung, parallel zum Heinrich-Heine-Ring, wobei der hohe Saalbaukörper mit dem Glockenturm am Vorplatz als Schwerpunkt gesetzt ist. Nördlich grenzt die Freifläche, die als Festwiese dienen soll, an die Spange an. Eine Erweiterung des Gemeindezentrums kann nach Norden hin erfolgen.
Es soll sukzessive ein durch die kirchliche Gemeindearbeit geprägtes Zentrum entstehen, das einen kleinteiligen, menschlichen Maßstab besitzt und unterschiedliche, städtebauliche Räume schafft, bestehend aus den Elementen Baukörper, Platz, Weg, Grünfläche.
Der Vorplatz wird geprägt durch das hohe Saalgebäude und den Glockenturm. Im Zusammenhang mit dem flankierenden Café, dem Kinderspielplatz und der Nähe zum Friedhof dient er als Ankommens- und Veranstaltungsort bei verschiedenen Feiern der Kirchengemeinde und Kirchenmitglieder, der sich dem Stadtteil öffnet. Die westliche Zufahrt soll wie ein „Gemeindeweg“ gestaltet werden: hier liegen zunächst die Stellplatzanlage mit 20 Stp. und das Nebengelass, später dann auch Pastorat und Verwaltungsgebäude im Wechsel mit Grünflächen. Die Hausmeisterwerkstatt ist direkt an das Hauptgebäude angefügt.

Die Durchlässigkeit und Niedrigschwelligkeit spiegelt sich in der Grundrissanordnung wieder. Es gibt drei Bereiche, die klar organisiert und leicht auffindbar sind: – der kirchlich geprägte Bereich mit Saal und großem Gemeinderaum, – der kommunikativ für die Gemeindearbeit geprägte Bereich mit Café, Kinder- und Jugendräumen und Stadtteilbüro und – der verwaltende Teil mit den Büros und dem kleinen Sitzungsraum.
Das Foyer verbindet die drei Bereiche und öffnet sich zum Vorplatz nach Osten, eine großzügige Flurfläche öffnet sich nach Norden und verbindet das Foyer mit der Festwiese.

Die Kubatur bringt die unterschiedlichen Nutzungen, die in dem Gebäude vereint sind, zum Ausdruck durch unterschiedliche Proportionen bzw. Höhen:
Der Saal ist zusammen mit dem großen Gemeinderaum der höchste Gebäudeteil. Über die hohe Giebelscheibe des Saales im Osten, in die auf der Westseite ein Lichtband integriert ist, wird der Altar- / Bühnenbereich von oben indirekt belichtet.
Das Café mit seinen Nebenräumen bildet sich durch eine quadratische Proportion im Grundriss ab. Die an den Cafébereich westlich anknüpfende Reihe der Stadtteil-, Kinder- und Jugendräume bilden einen eigenen Bereich, der entfernt genug vom Gemeindesaal liegt, um keine akustischen Beeinträchtigungen zu erzeugen. Sie erhalten nach Süden eine Terrasse für diverse Aktivitäten im Freien.
Der Verwaltungsbereich orientiert sich über den Mittelflur Richtung Norden, wo eine Erweiterung problemlos angeschlossen werden kann.
Die andienenden Bereiche wie Sanitärräume, Teeküche und Lager liegen in Gebäudemitte. Die Küche des Cafés ist als Arbeitsstätte mit Tageslicht versehen.

Besonderes Augenmerk hinsichtlich der Ausgestaltung, Belichtung und Materialwahl gilt dem großen Saal. Der Charakter des Raumes soll eher introvertiert und auch sakral sein. Durch eine Materialwahl aus natürlichen, handwerklichen Baustoffen soll bei den Nutzern ein Wohlgefühl erzeugt werden. Das stark rational angelegte Gebäude soll durch die Materialien Sensität und Poesie erhalten. Eine innen sichtbare Dachkonstruktion aus sich kreuzenden Holzleimträgern vermittelt einen besonderen Raumeindruck. Das Licht dringt durch seitliche Oberlichtbänder ein und fällt dann fast senkrecht entlang der Außenwände nach unten. Oberhalb des Altar- und Bühnenbereiches wird über das Fensterband in der erhöhten Giebelscheibe, die innen halbrund geformt ist, Licht eingeleitet. Beide Lichteinführungen – seitlich und stirnseitig – streifen die Außenwände. So wird die lebhafte Oberfläche der Außenwände inszeniert: sie besteht aus Stampflehm, der eine warme, haptische, archaische Anmutung hat. Es ist notwendig, an der Außenseite der tragenden Stampflehmwände horizontale sog. Erosionsbremsen z.B. aus 2 cm vorstehenden Keramikleisten herzustellen, die wiederum die großen Fassadenflächen strukturieren. Um den bei bei einigen geplanten Veranstaltungen gewünschten Bezug zum Garten herzustellen, werden an der Nordseite einige schmal proportionierte Fenstertüren vorgesehen.
Als Außenwandmaterial der anderen Baukörper schlagen wir einen hoch dämmenden Hochlochziegel mit zusätzlicher Mineralwolldämmebene und einer hellen Verblendstein-Vorsatzschale vor, die hell geschlämmt wird und sich so vom Saalbaukörper gestalterisch absetzt. Als Flachdach wird eine Stahlbeton-WU-Konstruktion (z.B. System Quintin) mit extensiver Dachbegrünung vorgeschlagen. Die Decken werden aus akustischen Gründen flächendeckend mit gelochten Akustikplatten verkleidet. Als Fußboden wird ein geölter und widerstandsfähiger Eiche-Hochlamellen-Parkettboden vorgeschlagen. Insgesamt steht bei der Materialwahl und Konstruktion die Nachhaltigkeit im Vordergrund.

Der Bibelgarten soll im rückwärtigen Bereich des Saalgebäudes angepflanzt werden – mit Bezug zum Inennraum des Saales. Ein Volleyballfeld wird in einiger Entfernung dazu nördlich der Erweiterungsfläche vorgeschlagen.